Ideen zu Abschlussarbeiten

Sollten Sie eine Abschlussarbeit zu einem Thema des Lehrstuhls schreiben wollen, können Sie sich gerne per E-Mail an eine der Mitarbeiterinnen wenden. Im Folgenden finden Sie einige Themen, die wir Ihnen empfehlen, oder die Sie als Inspiration für ihre eigenen Themen nutzen können. Die genaue Eingrenzung des Themas und die Formulierung der Fragestellung sollten Sie mit der Mitarbeiterin besprechen. Melden Sie sich dafür einfach per E-Mail (bei Frau Sørensen bitte an ihre Sekretärin) für einen Sprechstundentermin. Für Abschlussarbeiten stehen folgende Mitarbeiterinnen zur Verfügung:

Estrid Sørensen (BA und MA), Olga Galanova (BA), Ryoko Asai (BA).

Nachhaltige IT-Praktiken

IT wird meistens als etwas gesehen, was einfach zur Verfügung steht, so wie das Wasser aus dem Hahn oder der Strom aus der Steckdose. Die Infrastruktur, die dahintersteckt wird selten beachtet. Die Abschlussarbeit soll sich mit Fragen beschäftigen, ob es so etwas wie nachhaltige IT-Praktiken gibt und wie diese gestaltet werden (könnten). Dafür könnte man in einer Literaturstudie der Frage nach den Rohstoffen nachgehen und betrachten, inwiefern Energie für die IT-Nutzung überhaupt nötig ist (Crawford, 2021). Man könnte sich auch mit der Debatte um Leistung und Ertrag nachhaltiger IT auseinandersetzen: Wie viel Einsparpotential gibt es bei der IT-Nutzung überhaupt? Ist IT-Nutzung ein relevanter Faktor für den Klimawandel oder sollte man sich eher mit Themen wie Verkehr, Konsum und Industrieproduktion beschäftigen? Eine wissenswerte Frage in diesem Bereich dreht sich auch um die Verwendung von Speicherkapazität und Rechenleistung: Immer mehr und immer größere Rechenzentren werden gebaut, um die IT-Bedürfnisse zu decken. Wie nachhaltig werden Rechenzentren gebaut und geführt? Wie viel Speicherkapazität und Rechenleistung wird eigentlich benötigt und wofür? Bei diesen Fragen können Expert*inneninterviews über die Herausforderungen einer nachhaltigen IT - die meistens sozialer, regulatorischer und organisatorischer Art sind und weniger technisch - geführt werden. Man kann auch eine kleine Untersuchung von IT-Praktiken (z. B. bei Forscher*innen) durchführen, um zu hören, was eigentlich alles gespeichert wird und welche Überlegungen und Routinen es für Speicherung (und Löschung) gibt, und ob nachhaltige IT-Praktiken überhaupt ein Thema sind, und wenn ja, welche Praktiken, die Leute für sich oder in den Organisationen entwickeln. Ein Aufsatz von Sørensen & Kocksch (2021) analysiert Datenpraktiken von Wissenschaftler*innen und kann als Inspiration gelten, auch wenn es hier nicht um nachhaltige Datenpraktiken geht. Letztlich bestünde ein interessantes Thema auch aus Löschpraktiken: Wann, wie und warum werden Texte, Bilder, Datensätze usw. gelöscht? Welche Überlegungen gibt es dazu? Dies wäre auch bei öffentlichen Behörden, Archiven etc. ein lehrreiches Thema.

Literaturvorschläge:

Crawford, K. (2021). Atlas of AI: The Real Worlds of Artificial Intelligence. Yale University Press.

Sørensen, E. & Kocksch, L. (2021). Data Durabilities: Towards Conceptualizations of Scientific Long-Term Data Storage. Engaging, Technology, and Society, 7(1), 12-21

"Gute" Data Science oder digitale Methoden

Es gibt zunehmend mehr oder weniger aktivistische Nutzungen von digitalen Daten: Participatory Data Design, Data Feminism, Data Science for the Social Good, Counter Data uvm. Es wäre sehr aufschlussreich eine Übersicht zu erstellen, welche die verschiedenen Ansätze aufzeigt. Darin sollte nachvollziehbar sein, inwiefern sich die entsprechenden Ansätze unterscheiden/ähneln, was sie glauben zu bewirken (und wie sie das tun wollen), welche Methoden sie dafür verwenden und wie sie Praxispartner*innen einbeziehen. Dies könnte man als reine Literaturstudie erarbeiten oder auch mit Vertreter*innen der jeweiligen Richtungen oder mit Menschen, die dabei mitgemacht haben. Weiterhin ist es möglich Interviews zu führen, um zu hören, was solche Projekte bewirkt haben. Man könnte auch einen Vergleich zwischen diesen "ethischen" Ansätzen zu Datenforschung und anderen Data Sciences Ansätzen ziehen: Was ist eigentlich der Unterschied? Ist gewöhnliche "data science" eigentlich besonders “unethisch“? Warum braucht es solche "ethischen" Ansätze? Man könnte sich auch für einen Ansatz entscheiden, um sich vertieft mit diesem zu beschäftigen (z. B. Data Feminism).

Literaturvorschläge werden noch bereitgestellt.

Geisteswissenschaftliche Datenpraktiken

Die Literatur zu Datenpraktiken - also Fragen danach, welche Daten man nutzt, wie man mit diesen umgeht, wie und was man wann speichert, welche Programme man nutzt, wie und wann man Daten teilt usw. - beschäftigt sich fast ausschließlich mit der Naturwissenschaft. Das ist verständlich, weil die Naturwissenschaft generell viel größere Datenmengen hat und weil Naturwissenschaftler*innen sehr oft in großen Teams arbeiten, was es notwendig macht, Datenstrukturen, Systeme für Dateiennamen, Dokumentationen der Datenverarbeitung usw. aufzubauen und zu pflegen. In der Geisteswissenschaft arbeitet man dagegen oft individuell und teilt Daten - die oft aus Text-Dateien bestehen – eher selten. Diese Arbeitsweise ändert sich langsam, deswegen wäre es aufschlussreich zu dokumentieren, wie eigentlich Geisteswissenschaftler*innen jetzt mit ihren Forschungsdaten umgehen. Das wird Bedeutung dafür haben, wie diese Praktiken sinnvoll geändert werden können. Hier stößt man sicherlich auf ganz besondere persönliche Beziehungen zu Daten, die eben bestehen können, weil die Forscher*innen individuell arbeiten. Man könnte auch mit älteren Geisteswissenschaftler*innen sprechen und nach der Veränderung der Datenpraktiken über ihre Karrieren hinweg – z.B. von der Schreibmaschine zum Rechner - fragen. In einem Interview wurde uns beispielsweise erzählt, dass am Anfang viele Professor*innen nicht am Rechner arbeiten wollten, da dies als manuelle Arbeit und nicht als geistige Arbeit gesehen wurde und daher nur etwas für Sekretärinnen war, nicht aber für Professor*innen.

Literaturvorschläge werden noch bereitgestellt.

Anonymisierung und Schutz vor Re-Identifikation

Re-Identifikation ist ein relativ neues Thema in der Forschung. Sie beschäftigt sich mit der Auflösung der Anonymisierung von Daten, sodass herausgefunden werden kann, welche Individuen hinter den Daten stecken. Das ist vor allem zu einem Risiko geworden, da man heutzutage immer leichter viele Datensätze (Big Data) zusammenbringen kann. Wenn also in einem Datensatz z. B. das Geschlecht, der Ort und der Beruf einer Person angegeben sind und in einem anderen Datensatz z. B. der Beruf, die Nationalität und das Geschlecht, dann kann man bei immer mehr Datensätzen, Personen identifizieren (oder re-identifizieren). Wenn beispielsweise Merkmale wie weiblich, Bochum, Professur, dänisch, weiblich angegeben sind, dann sind die Datensätze jeweils ausreichend anonymisiert. Führt man diese Datensätze allerdings zusammen, dann lässt sich schnell identifizieren, um wen es sich handelt. Weil dieses Risiko mehr und mehr an Bedeutung gewinnt, ist es ebenfalls interessant geworden, besser zu verstehen, wie Daten eigentlich anonymisiert werden und welche Herausforderungen dabei entstehen usw. Es gibt Standards dafür, wie anonymisiert werden soll, aber diese können nur selten eins zu eins umgesetzt werden. Welche Überlegungen machen sich Forscher*innen, wenn sie Daten anonymisieren, welche Risiken nehmen sie in Kauf, welche "workarounds" finden sie für sich in diesem Prozess. Hier würde man Interviews mit Forscher*innen über ihre Anonymisierungspraktiken führen.

Literaturvorschläge werden noch bereitgestellt.

Organisatorische Reaktionen auf Hackerangriffe

Wir bekommen laufend in der Presse mit, dass Organisationen oder Firmen immer häufiger von Hacker*innen angegriffen werden, wodurch für die Betroffenen eine Stresssituation entsteht, weil angemessen auf den Angriff reagiert werden muss. Auch als die Bundesregierung zum Opfer wurde, wurde es deutlich wie viel Diskussion über Zuständigkeiten, Verantwortlichkeiten etc. aufkam. In der Forschungsliteratur gibt es jedoch keine Aufarbeitung solcher Reaktionen. Es gibt viele Arbeiten, die verschiedene Verfahren vorschreiben, denen im Falle von Angriffen Folge zu leisten ist, aber was tatsächlich in den Organisationen im Falle eins Angriffs passiert, wurde nicht beschrieben. Dies könnte man anfänglich aufarbeiten, indem man Presseberichte und Berichte aus Spezialzeitschriften lesen würde, um ein Paar Fälle zu rekonstruieren. Daraufhin könnte man auch mit den betroffenen Organisationen Interviews führen.

Literaturvorschläge werden noch bereitgestellt.

Die Geopolitik/ globale (Un-)Gerechtigkeit von Datenzentren oder das Datenzentrum im Anthropozän

Datenzentren sind für den modernen Lebensstil zu kritischen Infrastrukturen geworden. Zum Beispiel durch den zunehmenden Bedarf an Rechenkraft, durch „smarte“ Systeme und künstliche Intelligenz oder durch zunehmendes Streaming. Es wird jedoch kritisiert, dass es vor allem die wohlhabenden Länder im Norden sind, die von Datenzentren profitieren. Dabei liegen allerdings viele dieser Datenzentren einerseits im globalen Süden, wo es unter anderem Probleme mit Wasserversorgung gibt, und andererseits Rohstoffe für die Komponenten eines Datenzentrums benötigt werden, die aus dem globalen Süden stammen. Ein Thema für eine Abschlussarbeit könnte sein, die (Un-)Gerechtigkeit dieser für die Digitalisierung grundlegenden Prozesse zu analysieren. Zum einen geht es um die Extraktion von Rohstoffen sowie um die Arbeitskräfte des Südens, die für die Errichtung von Datenzentren wichtig sind, zum anderen um die Veränderung bzw. Zerstörung von Habitaten. Zu diesem Thema gibt es viel Literatur, die man nutzen kann, um die Bedingungen und Prozesse zur Einrichtung von Datenzentren zu rekonstruieren. Hier würde es nicht zuletzt um eine Beschreibung der Bedeutung veränderter Lebensbedingungen sowie des Umgangs damit gehen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, eine Diskursanalyse oder eine Kontroversenanalyse über die Verhandlungen zu nachhaltigen Datenzentren - die aktuell geführt werden - durchzuführen. Es gibt zu diesem Thema sowohl aufschlussreiche (überwiegend englischsprachige) Literatur als auch eine große Mediendeckung.

Literaturvorschläge werden noch bereitgestellt.

Die Praktiken des Datenschutzes: DSGVO im Alltag

Die EU Datenschutzgrundverordnung wurde im Mai 2018 verbindlich eingeführt und seitdem haben alle, die eine Internetpräsenz haben sowie in irgendeiner Art und Weise Daten sammeln, sich daran anpassen müssen. Die DSGVO wird in 2020/21 evaluiert und angepasst. Dabei wäre es relevant, nicht nur rechtliche Fragen zu klären, sondern auch zu untersuchen, wie die DSGVO in das soziale Leben interveniert. So scheint es zum Beispiel für kleinere politische, kulturelle oder andere Gruppen zunehmend schwierig sich zu vernetzen. Wenn E-Mails zum Zweck einer Veranstaltung gesammelt wurden, wurden sie früher meistens auch genutzt, um die Teilnehmer*innen über weitere relevante Veranstaltungen zu informieren. Dies ist nicht mehr ohne weiteres zulässig und erschwert dadurch die soziale Organisierung. Auch stellt sich die Frage, ob die ständige Zustimmung zu Cookies im Netz zielführend ist. Zum Beispiel werden jetzt zunehmend Browsererweiterungen eingesetzt, die automatisch solchen Anfragen zustimmen. Im neoklassischen Sinne werden Internetnutzer durch den DSGVO zu rationale autonome Individuen formiert, was vielen realen Praktiken zuwider zu laufen scheint. Es stellen sich also eine Menge Fragen zum praktischen Umgang mit dem DSGVO, zu ‚Workarounds‘, zur Nutzerkonstituierung sowie letzten Endes zur Frage der Konstitution des online Rechtssubjekts. Abhängig von der genauen Fragestellung könnte eine Arbeit Fragen zu diesem Thema behandeln, z. B. durchgeführt entweder als Literaturstudie, als Diskursanalyse oder als teilnehmende Beobachtung.

Literaturvorschläge werden noch bereitgestellt.